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Samstag, 8. Februar 2014

Die Systeme der klassischen indischen Philosophie

Die sechs klassischen Philosophiesysteme werden darshanas genannt, was in diesem Zusammenhang am besten mit „Anschauungsweise“ übersetzt werden kann. Im weiteren Sinne bedeutet darshan auch „Sicht und Vision des Heiligen und Göttlichen“ und die Zusammenkunft zwischen Meister und Schüler.  Die sechs darshanas sind mimansa, vedanta, samkhya, yoga, nyaya und vaisheshika. Die ersten vier entstanden als Einheit zu etwa der gleichen Zeit, aber auch die nachfolgenden beiden Systeme sind mit den vorhergehenden auf vielfache Weise verknüpft.

Die mimansa Philosophie erkennt die veden als höchste Autorität an und gehört zum brahmanischen System und erörtert den Sinn und die daraus abgeleiteten Rituale der Schriften. Sie gibt Deutungen für Zeremonien, Verhaltensregeln und die religösen Pflichten, was sie besonders wichtig für praktizierende Hindus macht. Das Hauptwerk ist das Mimansa-Sutra von Jaimini.

Vedanta bedeutet „Ende der veden“ und bezieht sich damit auf die upanishaden. Es ist eine der populärsten indischen Philosophien und besitzt mehrere Richtungen, von denen der advaita-vedanta (Nicht-Dualität) heute am bedeutendsten ist. Die zentralen Begriffe sind atman (das Selbst) und brahman (das Absolute), die eigentlich eine Einheit sind aber durch maya (Täuschung) für getrennt gehalten werden. Tat tvam asi (Das bist du) bedeutet atman ist brahman. Die Natur des Brahman ist satya (Wahrheit), jnana (Erkenntnis), ananta (Unendlichkeit) oder ananda (Glückseligkeit), auch als sat-chid-ananda (Sein-Wissen-Seligkeit) bekannt. Insgesamt behandelt diese Philosophie die Frage zwischen der Beziehung von jivatman (individuelles Selbst) zum paramatman (dem Absoluten) und der Welt zum absoluten Sein. Dualität wird nur dort wahrgenommen, wo avidya (Unwissenheit) herrscht und moksha (Befreiung) kann durch den Erkenntnisprozess erlangt werden.

Daneben ist die samkhya (Aufzählung) Philosophie das zweite wichtige System. Als wichtigste Textquelle gilt das älteste Werk der Tradition, die Samkhya-Karika von Ishvarakrishna, eine Sammlung von insgesamt 72 Lehrstrophen, das ursprüngliche Samkhya-Sutra ist nicht erhalten. Die samkhya-Philosophie ging später in den Theorien des Yoga und des Aryurveda auf. Die zentralen Begriffe sind purusha (passiv, bewusster Geist/Selbst) und prakriti (aktiv, unbewusster Geist/Wesensnatur) wobei purusha allen Lebewesen innewohnt und ihnen Empfindungen und Bewusstsein ermöglicht und prakriti die schöpferische Kraft verkörpert, die sowohl das körperlich als auch Denkprozesse und Wahrnehmung beinhaltet. Leiden entsteht wenn der Mensch, der alleinig purusha ist, die Aspekte von prakriti (z.B. Gedanken) irrtümlich für sein Selbst hält. Es ist daher von entscheidender Bedeutung das die strikte Unterscheidung  zwischen den beiden Dualität enerlernt wird, was letztendlich zur Befreiung führt. Prakriti werden drei gunas (Eigenschaften) zugeordnet: tamas (Trägheit), rajas (Bewegung) und sattva (Reinheit) die sich in Gegenwart eines purushas entfalten und die Welt darstellen. Die Wege in denen die Phänomene der Welt wahrgenommen werden sind als 25 tattvas zusammengefasst. Als pramanas (Erkenntnismittel) gelten: pratyaksha (Wahrnehmung), anumana (Schlussfolgerung), und apta vakya (Überlieferung durch einen Meister oder heilige Schriften), wobei pratyaksha die höchste Bedeutung zugemessen wird.

Yoga („Anschirren“ oder „Vereinigen“) ist ein ganzheitliches System, das eine Vielzahl von körperlichen und geistigen Übungen umfasst. Asanas (Körperübungen), spielen dabei im traditionellen, philosophischen Yogasystem kaum eine Rolle, sind aber im modernen, westlichen Yoga am populärsten. Ein wichtiges Werk für die Praxis ist das Yoga-Sutra von Patanjali. In den Lehrstrophen werden die meisten der Techniken erklärt, dabei verwendet Patanjali hauptsächlich Begriffe aus der samkhya-Philosophie, aber auch vedanta Bezeichnungen tauchen auf. Die klassischen indischen Schriften, wie die Upanishaden und die Bhagavad Gita, beschreiben vier Yogawege: Raja Yoga (Kontrolle des Geistes), Jnana Yoga (Yoga der Erkenntnis), Karma Yoga (Yoga der Tat) und Bhakti Yoga (Yoga der Hingabe).

Die nyaya-Philosophie setzt sich vorrangig mit Logik und Erkenntnistheorie auseinander. Eine typische, logische Analyse wäre: pratijna (These), hetu (Begründung),  udaharana
(Beispiel), apanaya (Anwendung)  und nigamana (Schlussfolgerung). Es definiert dabei Erkenntnismittel und 16 Kategorien in denen die Erkenntnis sich entwickelt.

Die vaisheshika-Philosophie ist eine Naturphilosophie, die sich mit der Entstehung der Naturphänomene auseinandersetzt. Sie umfasst dabei auch die Elementenlehre.


Hari Om Tat Sat.

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